micha

Die Kunst ist immer Teil meines Lebens gewesen. Schon als kleines Kind faszinierte mich das Sehen.
Ich liebte es, Dinge zu betrachten, Schatten und Licht zu beobachten und
wie sie die Gegenstände tanzen lassen in ihrem Spiel miteinander.

 

Mit großer Leidenschaft spielte ich ein bestimmtes Zeichenspiel.
Ein Mitspieler kritzelte ein willkürliches Zeichen auf das Papier
und ich durfte dann in diesem Zeichen etwas „sehen“
und die Zeichnung vervollständigen. Damals schon war ich fasziniert davon
wie viele verschiedene Möglichkeiten es doch gab,
an einer Zeichnung weiterzuarbeiten, und wie viele tausend Bilder in einem zu erahnen sind.

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Ich bin in den Sechziger und Siebziger Jahren in einer kinderreichen Arbeiterfamilie in einem Dorf nahe Regensburg
aufgewachsen und wurde früh geprägt vom morbiden Humor der ostbayerischen, katholischen Seele.
Die Kirche war Mittelpunkt im Dorf und dem Pfarrer war mit Ehrfurcht zu begegnen.
Die Gottesdienste wurden auf lateinisch zelebriert, Weihrauch wurde geschwenkt,
und unter den starren Blicken der furchteinflößenden Heiligenfiguren bekam ich eine Ahnung
von den Schattenseiten des sündigen Menschen. Es gruselte das kleine Mädchen, das ich war,
und mit Schaudern fing ich an, die dunklen Welten zu betrachten.
Ich mochte jedoch meine kleinen Sünden und hatte keine Lust zur Hölle zu fahren.
Also kehrte ich als aufmüpfiger Teenager der Kirche den Rücken. Zurück blieb jedoch der Drang,
mich immer wieder in meinen Zeichnungen an die Schattenseiten des Menschen heranzutasten.


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Ich wußte schon früh, dass es viele Bilder in mir gab, die gezeichnet werden wollten.
Und ich erkannte, dass die Welt der Bilder so viel mehr zu bieten hatte als die reale Welt,
dass hier tatsächlich alles möglich und alles erlaubt war. In der Kunst gibt es kein Tabu.
Das im tatsächlichen Leben moralisch nicht Tragbare darf ungestraft zum Ausdruck gebracht werden.
So war für mich das Zeichnen oft ein Trost und ein Ventil für Gefühle und Gedanken,
die man so im realen Leben nicht haben durfte.

In den 80er Jahren beschäftigte ich mich eingehend mit der Kunst von Geisteskranken und der sogenannten Art Brut.
Der Künstler und Sammler Jean Dubuffet prägte diesen Begriff und bezeichnete damit die Kunst von Menschen
ausserhalb des normalen Kunstbetriebs, die meist Autodidakten sind und oft mit einer Besessenheit
ihre Kunst zum Ausdruck bringen. Art Brut kennt keine Gesetze, keine Planung, keine Bindung an Techniken oder Stile.
Art Brut ist frei und roh und ursprünglich. Es inspirierte mich, so an die künstlerische Arbeit heran zu treten.


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 Kunst ist immer biographisch. Es kommen Themen zum Ausdruck, die mich bewegen und die mir nahe gehen.
Ein lebenslanges Thema ist zum Beispiel das Zwillingsein, das sich wiederfindet in der Auseinandersetzung

mit Dualität, mit Gleichheit und Gegensätzlichkeit, mit Licht und Schatten, mit Gut und Böse.

Ich wurde als zweieiiger Zwilling geboren, fand es als Kind aber immer schade kein „richtiger“ Zwilling zu sein,

wenn ich schon Zwilling sein musste. Meine Schwester und ich wurden immer wie eineiige Zwillinge behandelt.

Ich sollte also in dem so anders aussehenden Gesicht meines Gegenübers mich selbst sehen –

der Zwiespalt zwischen Gleichheit und Gegensätzlichkeit entwickelt so eine ganz eigene Dynamik in meinen Bildern.

Und wie soll es anders sein, ein immer präsentes Thema ist der Mensch an sich, der Mensch
mit seinen Schwächen und seinen Überraschungen. Der Mensch in all seiner Vielfalt, der Mensch in seiner Schönheit
und in seiner Hässlichkeit, in seiner Größe und in seiner Lächerlichkeit. Der ständig sich neu erfindende Mensch
drängt sich geradezu auf als unerschöpliches Thema in der Zeichnung. Es sind meist eher seine Schwächen,
die mich reizen, auch die Unvollkommenheit, die gar rührend wirkt neben dem menschlichen Größenwahn.


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Die erotische Zeichnung hat einen besonderen Stellenwert. Die Erotik ist die Schwester der Kunst.
Beide fordern Hingabe, erlauben aber auch gleichzeitig auszubrechen aus Konventionen und Regeln
und ermöglichen es Fantasien auszuleben, die in der realen Welt nicht akzeptabel wären.

Anfang der 90er Jahre begann ich mit der Arbeit an den Skulpturen.
Allein 1993 entstanden mehr als zehn meiner Kopffüßler.
Endlich war die Farbe in mein Leben gekommen, nachdem ich
über viele Jahre nur in Schwarzweiß gezeichnet hatte. Und die Farbe kam mit aller Kraft.

Es war eine Freude diese Wesen entstehen zu lassen. Auch hier, bei der Arbeit mit den Gipsbinden,
ließ ich es zu, dass die Gestalten unter meinen Händen langsam Form annahmen und sich selbst kreierten.
Was ich an dem Gips so gerne mag, ist dass er während des Verarbeitungsprozesses seine Struktur
und seine Temperatur ändert. Am Schönsten ist es, wenn er warm wird in meinen Händen,
dann fühlt er sich lebendig an und haucht so meinen Skulpturen so etwas wie Leben ein.

Viele meiner Skulpturen wurden erst durch das Auge zum Wesen.
Gib einem Gegenstand ein Auge und schon wirkt er lebendig.
Das faszinierte mich und so entstanden gar skurrile Gestalten.

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Durch die Skulpturen also zur Farbe gekommen, wagte ich mich wenige Jahre später dann an die Malerei.
Ich griff zu Acrylfarben und war überwältigt von der Farbgewalt. Ich trug die Farben dick mit der Spachtel auf
und ließ sie ineinanderlaufen, was oft unglaublich schöne Strukturen entstehen ließ.
Das Bild „Wolkenkratzer“ ist eines der ersten Bilder, die ich malte.

Ich bin Künstlerin, obschon ich nie gewagt habe aus der Kunst einen Broterwerb zu machen.
Einerseits denke ich, dass der kreative Schaffensprozess viel zu kostbar ist, um ihn dem Druck
der Einkommensbeschaffung zu unterwerfen, andererseits hatte ich als allein erziehende Mutter
Verantwortung zu tragen für meinen Sohn, der 1981 geboren wurde und der inzwischen selbst
eine künstlerische Laufbahn eingeschlagen hat. Das Leben hat mich durch Höhen und Tiefen
und auf ungeahnte Wege geführt, aber die Kunst war immer meine Begleiterin.


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Michaela Challal




Kontakt:
michallal(at)web.de




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